Das Straßenporträt – und wie es entsteht

Steel Drummer
Mister Steeldrum – weil er so cool aussah sprach ich ihn an und bat um ein Porträt. Er sagte spontan zu. Ich gab noch ein paar Euro. Das Foto fand auch Eingang ins letzte Street Fotobuch 2016 und wurde in einer Galerie gezeigt.

Die Straßenfotografie ist so vielfältig – bunt wie das Leben. So hat jeder Straßenfotograf seine Vorlieben und Herangehensweisen. Es gibt keine genaue Definition, was unter dem Begriff Straßenfotografie fällt – selbst die Straßenfotografie hält nur die Definition ‘Das Leben im Urbanen Raum’ fotografisch festzuhalten für uns bereit. Deswegen ist die Straßenfotografie auch eigentlich keinen Zwängen unterlegen. Es sollten lediglich die zwei Begriffe -Urban- und -Leben-  beinhalten – und schon hat man ein Straßenfoto geschaffen. Aber wie vieles im Leben ist alles Ansichts- und Geschmackssache. Dazu gehören aus meiner Sicht auch die sog. -Straßenporträts-. Bei einigen Fotografen sind sie sogar verpönt und zählen nicht zur klassischen Straßenfotografie. Ist mir ehrlich gesagt scheißegal was andere so denken – ich bin jedenfalls nicht dieser Meinung – jedoch sollte Grundvoraussetzung das spontane Treffen eines Menschen sein. Meistens sind es Obdachlose, in deren Gesichter die Vergangenheit eingegraben scheint.

Genau das ist es, was die Straßenfotografie für mich so speziell macht – das spontane Ansprechen und Kennenlernen von Menschen. Da liegt aber bei vielen schon das Problem. Denn hier ist Selbstbewusstsein gefragt. Wer das nicht hat, der wird aus meiner Sicht viel verpassen. Aber das Problem kann man mit einfachen Mitteln überwinden.

Wie fange ich an ? Wie bekomme ich Selbstbewusstsein ?

Fragt doch einfach mal im Freundeskreis nach einem spontanen Porträt. Übt mit denen, die ihr schon kennt und versucht während eines kurzen Gesprächs Fotos zu machen. Wem das nun schon zu wenig ist, der geht am besten mit anderen Fotografen auf Tour. Einfach mal die Menschen ansprechen, die ihr gerne mal ablichten würdet. Es muss jetzt nicht der Obdachlose oder Freak sein. Aber gerade die sind es, die ein cooles Porträt ergeben. Ihr werdet staunen, wie empfänglich sie für ein Foto sind. Wenn nicht – auch nicht schlimm. Jede Absage ist eine neue Herausforderung.
Beginnt die Person möglichst unauffällig zu beobachten. Was macht er oder sie gerade ? Raucher sind für mich besonders interessant. Nun nähere ich mich demjenigen und frage nach dem Wohlbefinden. Fragen nach dem Wetter u.ä. bringen meistens den gewünschten Kontakt. Und nicht vergessen: immer mit einem Lächeln auf die Menschen zugehen – das ist die beste Waffe, um ebenfalls freundlich angesehen zu werden. Oftmals mache ich schon beim Draufzugehen ein spontanes Foto – ohne es mir lange anzusehen spreche ich denjenigen dann an.
Wichtig ist das man sein Vorhaben erklärt. -Hey – ich bin der Chris und bin Straßenfotograf – hast du gesehen, ich habe schon ein Foto von dir gemacht- So – oder ähnlich, lege ich los. Am besten auch gleich nach dem Namen des anderen fragen – lockert die Sache ungemein auf.

Das erste Foto ! Kurz bevor ich ihn ansprach, beobachtete ich ihn und drückte auf den Auslöser.
Das erste Foto !
Kurz bevor ich ihn ansprach drückte auf den Auslöser. Das Bild ist unbearbeitet und dient als Beispiel !

Darf ich das ?

Den meisten Fotografierten ist es unangenehm und wollen nicht in die Tagespresse. Das kann man getrost verneinen, denn wir arbeiten ja nicht für die Presse, sondern für uns. Hilfreich ist aber die Erwähnung, dass man die Fotos im Internet präsentiert, oder eine Ausstellung plant, usw. Man sollte also klar zu erkennen geben, dass die Fotos veröffentlicht werden. Ehrlichkeit ist Trumpf und schafft Vertrauen !
Ich weiß, jetzt kommt von euch angehenden Porträt-Fotofritzen die berühmte Frage nach einer schriftlichen Genehmigung. Ja – kann man machen – habe ich aber noch nie. Rechtlich gesehen ist man damit immer auf der sicheren Seite. Im Ernstfall reichen auch Zeugen aus – und auch der Blick und die Gestik in die Kamera zeugen davon, dass um Erlaubnis gefragt wurde. Alle anderen möchten schlicht keine Fotos von sich haben. Niemand lässt sich doch fotografieren, wenn er das nicht will.
Wer aber alle diese Gedanken im Kopf hat, der sollte die Kamera einfach stecken lassen und weiterhin alles andere fotografieren – ist ja auch schön 😉
Fakt ist: kein Foto einer fremden Person darf in Deutschland ohne dessen Zustimmung veröffentlicht werden !!! Bei Kindern gilt immer: fragt die Eltern ! Ich fotografiere (fast) nie Kinder – bringt meistens nur Ärger und Verdruss !
Es gibt nur die Ausnahmen, wenn die Menschen sich in einer Übersichtsaufnahme, zum Bsp. vor einer Sehenswürdigkeit, befinden und nicht den Mensch in den Mittelpunkt stellt. Übrigens muss die Person auf dem Foto auch erkennbar sein. Schatten, Silhouetten, u.U. auch von hinten fotografieren kann man gefahrlos machen. Übrigens darf man auch Tiere, wie Hunde und Katzen, ohne Genehmigung des Halters fotografieren und veröffentlichen. Merke: ich darf ich eine Menge fotografieren – ich darf es nur nicht veröffentlichen 😉
Sollte doch jemand mal auf die Löschung seines Fotos bestehen, nicht diskutieren, sondern es mit einem freundlichen Lächeln einfach löschen. Außer das Bild ist so geil geworden, dann versuche ich es noch in einem freundlichem Gespräch zu retten. Lasst Euch auch nicht durch Dritte verunsichern. Es passiert mir zuweilen auch, dass ich dann von völlig Unbeteiligten angesprochen werde, dass ich das nicht darf. Meine Gedanken dazu: der kann mich am Arsch lecken – was geht ihn das jetzt an ? Nichts ! Nur der Fotografierte kann klagen – niemand sonst ! Aber bei allem Ärger über solche Zeitgenossen – nie das Lächeln vergessen – und weitergehen. Wie alles im Leben gibt es immer Restrisiken – und wenn man sich diesen auch bewußt ist, dann kann nix schiefgehen. Nur ein Rat – lasst die Finger von üblen Typen wie Mitgliedern von Rockerclubs, etc. – auch Rotlichtviertel sind meistens tabu. Aber wem sage ich das ?!

Wie geht es weiter ?

Ihr habt also jemanden gefunden und angesprochen. Wir nehmen mal an, dass derjenige nett ist und nichts dagegen hat, dass ihr Fotos von ihm macht. So gut – so schön. Jetzt fängt die eigentliche Arbeit erst an – soweit man das Arbeit nennen kann. Für mich ist es eher ein Vergnügen. Denn bei aller Freundlichkeit sollte man das Fotografieren nicht vergessen. Es ist nämlich nicht ganz einfach ein Gespräch zu führen – zuzuhören – und dann auch noch Fotos zu machen. Wichtig ist nur, dass ihr euer Gegenüber reden lässt. Ihr wollt ja von ihm oder ihr Fotos machen und nicht von Euch 😉
Ein Tipp: bitte auch zuhören, was der andere sagt – und darauf eingehen. Wenn man erst einmal merkt, dass ihr nicht zuhört, dann erlahmt der Gesprächsfaden – und erlahmen auch die Gesichtsausdrücke. Macht vor allem Komplimente – zum Bsp. über Aussehen, Kleidung, etc. Bei Rauchern eine Zigarette anbieten – einfach Interesse zeigen !
Achtet im Vorfeld auf Licht und Schatten – auf störende Objekte im Hintergrund. Nichts ist blöder, wenn man nach Hause kommt und feststellt, dass im Hintergrund demjenigen eine Laterne aus dem Kopf wächst und er ständig im Schatten stand.
Und jetzt ? Ja Mensch – fotografiert was das Zeug hält. Achtet auf Gesichtsausdrücke – auf die Gestik. Hierbei habe ich immer den Serienbild-Modus meiner Kamera eingestellt. Dieser Modus produziert dann eine schnelle Bildfolge und erleichtert mir die spätere Auswahl. So verpasse ich auch keinen Moment. Blöd nur, wenn die 6 Bilder geschossen sind, die Kamera erst die Bilder einspeichert und  man wegen dieser Blockade ein Foto verpasst. Alles halb so schlimm – weiter quatschen – weiter fotografieren – gibt noch mehr Gelegenheiten – glaubt’s mir.

Achtet auch auf Details - wie zum Bsp. die Hand. Interessant sind Schmuck und Tattoos.
Achtet auch auf Details – wie zum Bsp. die Hand. Interessant sind Schmuck und Tattoos.

 

Hier die Bilderserie, die ich vom Hans in Berlin-Gesundbrunnen geschossen hatte. Unbearbeitet gebe ich mal einen Einblick in meine Arbeitsweise frei. Die meisten waren nicht so, wie ich es zunächst erhofft hatte. Aber bei der Auswahl ist meistens immer eines dabei, welches dann durchgeht.


 

Am Ende ?

Nein – wir sind nie am Ende 😉 Ich halte am Ende des Gesprächs es immer so, dass ich meine Visitenkarte zwecks Zusendung von Bildmaterial zur Verfügung stehe. Ich betrachte es dann als das Honorar. Nach dem Tschüß sollte man nicht vergessen, den Fotos mittels Nachbearbeitung den letzten Schliff zu geben.
Der letzte Tipp: üben – üben – üben – aber wem sag’ ich das ! 😉

Weiterführende Links zum Thema:

Eric Kim’s Street Portrait Introduction
von Photographylife

Jetzt ist wirklich Ende – viel Spaß beim Fotografieren wünscht Euch

Chris Candid